Vater Alkoholiker: Folgen für erwachsene Kinder
Nicht reden, nicht vertrauen, nicht fühlen: Die Regeln einer suchtbelasteten Familie wirken lange nach. Was typisch ist und wie Sie sich davon lösen.
Die kurze Antwort
Wer mit einem alkoholkranken Vater aufgewachsen ist, trägt die Folgen oft bis ins Erwachsenenalter: ständige Wachsamkeit, Schwierigkeiten zu vertrauen, ein hohes Verantwortungsgefühl für andere und manchmal das Gefühl, nie richtig Kind gewesen zu sein. In Deutschland leben nach Schätzungen von NACOA Deutschland rund 2,6 Millionen Kinder mit Eltern, die ein Suchtproblem haben. Sie sind mit diesen Erfahrungen also nicht allein.
Was in suchtbelasteten Familien passiert
Das Leben dreht sich um die Sucht. Die Stimmung des Vaters bestimmt den Tag, niemand weiß, wie der Abend wird. Viele Familien halten das Problem nach außen geheim. Kinder lernen drei ungeschriebene Regeln: nicht reden, nicht vertrauen, nicht fühlen. Diese Regeln schützen in der Kindheit und werden im Erwachsenenleben zur Last.
Die Rollen der Kinder
In der Fachliteratur werden typische Rollen beschrieben, die Kinder in Suchtfamilien übernehmen: den Helden, der durch Leistung die Familie aufwertet, den Sündenbock, der durch Auffälligkeit ablenkt, das stille Kind, das möglichst unsichtbar bleibt, und den Clown, der Spannungen weglacht. Diese Rollen sichern das Überleben in der Familie, engen aber später ein, weil sie sich wie die eigene Persönlichkeit anfühlen.
Häufige Folgen für erwachsene Kinder
- Übermäßige Verantwortung: Wer früh Geschwister versorgt oder die Mutter getröstet hat, fühlt sich oft für alles zuständig.
- Kontrollbedürfnis: Unberechenbarkeit in der Kindheit führt häufig zu dem Wunsch, alles im Griff zu haben.
- Misstrauen und Bindungsangst: Versprechen wurden gebrochen, deshalb fällt es schwer, sich auf Nähe zu verlassen.
- Anziehung zu bedürftigen Partnern: Manche geraten wieder in Beziehungen mit Suchtkranken, weil sich die Helferrolle vertraut anfühlt.
- Eigenes Suchtrisiko: Kinder aus suchtbelasteten Familien gelten als größte Risikogruppe für Suchterkrankungen. Fachleute schätzen, dass etwa ein Drittel später selbst eine Sucht entwickelt und ein weiteres Drittel andere psychische Belastungen.
Ebenso wichtig: Ein Drittel bleibt nach diesen Schätzungen weitgehend gesund. Schutzfaktoren sind etwa eine verlässliche Bezugsperson, Freundschaften und das Verständnis, dass die Sucht nicht die eigene Schuld war.
Was heute hilft
Der wichtigste Schritt ist, das Schweigen zu brechen und die eigene Geschichte anzuerkennen. Selbsthilfegruppen für erwachsene Kinder aus suchtbelasteten Familien, etwa Al-Anon oder die EKS-Gruppen, bieten Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben. In der Psychotherapie lässt sich an Vertrauen, Grenzen und Selbstwert arbeiten. Und wenn der Vater heute noch trinkt: Sie sind nicht verantwortlich dafür, ihn zu retten. Sie dürfen Abstand halten.
Wie Angehörige in einer Partnerschaft mit Alkoholsucht umgehen können, lesen Sie im Ratgeber Was tun bei Alkoholsucht des Partners?
Das Audio-Hypnose-Programm Vergangenheitsbewältigung unterstützt dabei, belastende Erfahrungen aus der Kindheit zu verarbeiten und innere Ruhe zu finden. Es ersetzt keine Therapie. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Welche Folgen hat ein alkoholkranker Vater für die Kinder?
Häufig sind ständige Wachsamkeit, Misstrauen, ein übermäßiges Verantwortungsgefühl, Kontrollbedürfnis und ein erhöhtes eigenes Suchtrisiko. Etwa ein Drittel der Kinder bleibt nach Schätzungen aber weitgehend gesund.
Werden Kinder von Alkoholikern selbst süchtig?
Das Risiko ist deutlich erhöht. Fachleute schätzen, dass etwa ein Drittel der Kinder aus suchtbelasteten Familien später selbst eine Suchterkrankung entwickelt. Zwangsläufig ist das nicht.
Wo finden erwachsene Kinder von Alkoholikern Hilfe?
In Selbsthilfegruppen wie Al-Anon oder EKS-Gruppen für erwachsene Kinder aus suchtbelasteten Familien, bei Suchtberatungsstellen und in der Psychotherapie. NACOA Deutschland bietet Informationen für Betroffene.
Muss ich meinem alkoholkranken Vater helfen?
Sie können Hilfe anbieten, aber Sie sind nicht verantwortlich dafür, ihn zu retten. Ob er sich behandeln lässt, liegt bei ihm. Abstand zu halten, um sich selbst zu schützen, ist legitim.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- NACOA Deutschland: Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien: Zahlen und Fakten
- Klein, M.: Alkoholsucht und Familie: Kinder in suchtbelasteten Familien, Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung
- DGPPN, DG-Sucht: S3-Leitlinie Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen, AWMF 076-001
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).