Warum nehmen Narzissten die Opferrolle ein?
Wer ein Problem anspricht und plötzlich selbst als Täter dasteht, ist oft wie vor den Kopf gestoßen. Hinter dieser Umkehr steckt ein bekanntes Muster.
Die kurze Antwort
Die Opferrolle schützt vor einer schmerzhaften Einsicht: selbst etwas falsch gemacht zu haben. Wer ein leicht verletzbares Selbstwertgefühl hat, erlebt Kritik schnell als Angriff und dreht die Rollen um, sodass am Ende die andere Person als Täter dasteht. Für Betroffene ist das verwirrend, folgt aber einem erkennbaren Muster.
Ob jemand tatsächlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, kann nur eine Fachperson klären. Das Muster selbst lässt sich trotzdem beschreiben.
Kränkung statt Verantwortung
Die Forschung unterscheidet einen grandiosen und einen verletzlichen Narzissmus. Die verletzliche Form ist stärker von Kränkbarkeit, negativen Gefühlen und Misstrauen geprägt. Kritik trifft dann nicht ein Verhalten, sondern scheinbar die ganze Person. Sich als Opfer zu sehen, ist in diesem Moment leichter, als Verantwortung zu übernehmen.
Ein dauerhaftes Gefühl, Opfer zu sein
Israelische Forschende haben eine Persönlichkeitsneigung beschrieben, sich in vielen Beziehungen immer wieder als Opfer zu erleben. Dazu gehören ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung des eigenen Leids, ein Gefühl moralischer Überlegenheit, wenig Einfühlung für das Leid anderer und häufiges Grübeln über erlittenes Unrecht. Diese Neigung ist nicht dasselbe wie Narzissmus, sie zeigt aber, wie stabil eine solche Haltung werden kann.
Das Muster in Gesprächen
Die Psychologin Jennifer Freyd hat für diese Umkehr einen Begriff geprägt: DARVO. Er steht für Leugnen, Angreifen und das Vertauschen von Opfer und Täter. Eine Studie fand, dass dieses Muster bei Konfrontationen häufig vorkommt und dass Menschen, die ihm ausgesetzt waren, sich eher selbst die Schuld gaben.
Ein typischer Ablauf: Jemand spricht eine Verletzung an. Zuerst wird bestritten, dann der Ton kritisiert, schließlich fühlt sich das Gegenüber so verletzt, dass die ansprechende Person tröstet und sich entschuldigt.
Zurück bleibt oft Verwirrung: Das ursprüngliche Anliegen ist nicht geklärt, dafür gibt es nun ein neues Problem. Wiederholt sich das, sprechen viele ihre Verletzungen irgendwann gar nicht mehr an.
Was Betroffenen hilft
- Beim Thema bleiben: „Mir geht es gerade um das, was gestern passiert ist.“
- Mitgefühl zeigen, ohne die eigene Sicht aufzugeben.
- Keine Verantwortung für Gefühle übernehmen, die man nicht verursacht hat.
- Sich klarmachen: Schuldgefühle nach jedem Konflikt bedeuten nicht, dass man im Unrecht ist.
Wer sich über lange Zeit klein gemacht fühlt, profitiert oft von Beratung oder Psychotherapie. Entspannungsverfahren wie Hypnose können begleitend helfen, das eigene Selbstwertgefühl zu stabilisieren, ersetzen aber keine Behandlung. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, ist die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 erreichbar, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.
Das Audio-Hypnose-Programm Selbstwertgefühl unterstützt dabei, ein stabileres Bild von sich selbst aufzubauen, damit Grenzen leichter fallen und Schuldgefühle weniger Macht haben. Es ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Glauben narzisstische Menschen selbst, dass sie Opfer sind?
Häufig ja. Die Kränkung wird als echt erlebt, auch wenn sie für andere unverhältnismäßig wirkt. Das macht das Muster so schwer zu durchbrechen, denn Argumente erreichen die gefühlte Wahrheit kaum.
Was bedeutet DARVO?
DARVO ist eine englische Abkürzung für Leugnen, Angreifen und das Vertauschen von Opfer und Täter. Der Begriff beschreibt, wie Menschen auf Konfrontation reagieren, um Verantwortung abzuwehren. Er ist keine Diagnose und kommt nicht nur bei Narzissmus vor.
Warum entschuldige ich mich am Ende immer selbst?
Wer ein Problem anspricht und dann mit Vorwürfen und gezeigtem Leid konfrontiert wird, gerät leicht in Schuldgefühle. Eine Studie fand genau diesen Zusammenhang zwischen dem DARVO-Muster und Selbstvorwürfen. Das ist eine verständliche Reaktion, kein Beweis eigener Schuld.
Kann man mit jemandem reden, der immer das Opfer ist?
Manchmal, wenn Gespräche kurz, konkret und ohne Vorwürfe bleiben. Gelingt das dauerhaft nicht, ist es legitim, Abstand zu nehmen und sich auf den eigenen Schutz zu konzentrieren.
Verwandte Themen
Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Miller et al. (2011): Grandiose and vulnerable narcissism: a nomological network analysis, Journal of Personality 79(5)
- Gabay, Hameiri, Rubel-Lifschitz & Nadler (2020): The tendency for interpersonal victimhood: the personality construct and its consequences, Personality and Individual Differences 165
- Harsey, Zurbriggen & Freyd (2017): Perpetrator responses to victim confrontation: DARVO and victim self-blame, Journal of Aggression, Maltreatment & Trauma 26(6)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).