Warum quälen Narzissten andere Menschen?
Abwertung sagt mehr über das Gegenüber als über die betroffene Person. Wichtiger als das Warum ist, wie Schutz gelingt.
Die kurze Antwort
Wer von einem Menschen mit stark narzisstischen Zügen gequält wird, erlebt meist kein zufälliges Verhalten: Abwertung, Kontrolle und Kränkungen dienen dem Gegenüber oft dazu, ein brüchiges Selbstbild zu schützen und sich überlegen zu fühlen. Mit dem Wert der betroffenen Person hat das wenig zu tun. Wichtiger als die Frage nach dem Warum ist deshalb, wie man sich selbst schützt.
Keine Ferndiagnose
Ob jemand eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, lässt sich nur in einer fachlichen Untersuchung klären, nicht aus der Ferne. Die internationale Klassifikation ICD-11 beschreibt Persönlichkeitsstörungen über Probleme im Selbstbild und in Beziehungen sowie über deren Schweregrad. Für Betroffene zählt vor allem, was sie konkret erleben und wie sehr es ihnen schadet.
Was Angehörige berichten
In einer Befragung von 436 Partnern, früheren Partnern und Familienangehörigen von Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Merkmalen beschrieben viele zweierlei: Überheblichkeit und Anspruchsdenken, aber auch große Kränkbarkeit und starke Stimmungsschwankungen. Die Forschenden folgern, dass sich die Schwierigkeiten mit Selbstwert und Gefühlsregulation vor allem in engen Beziehungen zeigen, also genau dort, wo Nahestehende am verletzlichsten sind.
Mögliche Hintergründe
Ein verletzliches Selbstwertgefühl
Hinter dem selbstsicheren Auftreten steht oft ein Selbstwert, der stark von Bestätigung abhängt. Kritik oder Zurückweisung wird dann als Bedrohung erlebt.
Abwertung als Gegenangriff
Die Persönlichkeitspsychologie unterscheidet bei Narzissmus zwei Wege: das Streben nach Bewunderung und die Rivalität. Über die Rivalität wird das eigene Selbstbild verteidigt, indem andere abgewertet werden. Für das Gegenüber kann sich das wie gezieltes Quälen anfühlen.
Kontrolle
Schweigen, Schuldumkehr und der Wechsel zwischen Nähe und Kälte halten das Gegenüber in Unsicherheit. Wer verunsichert ist, widerspricht seltener. Viele Betroffene merken erst spät, dass sie Konflikte meiden und ihr Verhalten nach der Stimmung des anderen ausrichten. Das ist eine verständliche Anpassung, kein persönliches Versagen.
Was Betroffenen hilft
- Das eigene Erleben ernst nehmen und Vorfälle notieren.
- Nicht mehr um Einsicht kämpfen. Erklären und Rechtfertigen verlängert oft den Konflikt.
- Klare Grenzen setzen und, wenn möglich, Abstand schaffen.
- Vertraute Menschen einbeziehen, denn Isolation verstärkt die Wirkung.
- Den eigenen Selbstwert wieder unabhängig von dieser Person aufbauen, gern mit therapeutischer Begleitung.
Wann sofort Hilfe nötig ist
Kommen Drohungen, Überwachung oder körperliche Gewalt hinzu, steht die Sicherheit an erster Stelle. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist unter 116 016 rund um die Uhr kostenlos erreichbar, das Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ unter 0800 1239900, im Notfall die Polizei unter 110. Bei Hoffnungslosigkeit oder Suizidgedanken: Telefonseelsorge 0800 111 0 111, in der Schweiz Dargebotene Hand 143.
Das Audio-Hypnose-Programm Selbstwertgefühl unterstützt dabei, sich unabhängig von Abwertung wieder wertvoll zu fühlen und Grenzen klarer zu spüren. Es ersetzt keine Beratung oder Therapie. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Wissen Narzissten, dass sie andere verletzen?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Manche Menschen mit stark narzisstischen Zügen nehmen die Folgen ihres Verhaltens kaum wahr, andere bemerken sie, stellen aber das eigene Bedürfnis darüber. Für Betroffene ändert die Antwort nichts daran, dass sie sich schützen dürfen.
Liegt die Schuld bei mir, wenn ein Narzisst mich schlecht behandelt?
Nein. Abwertung und Kontrolle sagen mehr über das Bedürfnis des Gegenübers aus als über den Wert der betroffenen Person. Schuldgefühle sind aber eine häufige Folge, gerade wenn Vorwürfe immer wieder umgedreht wurden.
Lässt sich ein Narzisst zur Einsicht bringen?
Von außen kaum. Veränderung ist möglich, setzt aber eigene Motivation und meist eine Psychotherapie voraus. Kraft, die in Überzeugungsversuche fließt, fehlt oft beim eigenen Schutz.
Wo gibt es Hilfe, wenn eine Trennung gerade nicht möglich ist?
Beratungsstellen und Psychotherapie helfen auch dann, wenn eine Trennung nicht möglich oder nicht gewünscht ist. Bei Gewalt berät das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 116 016 rund um die Uhr, für Männer das Hilfetelefon unter 0800 1239900. In seelischer Not ist die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 erreichbar.
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Quellen (Auswahl)
- Day, Townsend & Grenyer (2020): Living with pathological narcissism: a qualitative study, Borderline Personality Disorder and Emotion Dysregulation 7
- Back et al. (2013): Narcissistic admiration and rivalry: Disentangling the bright and dark sides of narcissism, Journal of Personality and Social Psychology 105(6)
- WHO: ICD-11, 6D10 Persönlichkeitsstörung
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).