Warum bleiben Betroffene in Gewaltbeziehungen?
Hilfe sofort: Notruf 110, in der Schweiz 117. Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 116 016, Opferhilfe Schweiz 142, beide rund um die Uhr. Wer bleibt, ist nicht schwach, sondern steckt meist in einem Geflecht aus Angst, Abhängigkeit und Bindung.
Die Frage hinter der Frage
Menschen bleiben in gewaltvollen Beziehungen, weil Angst, Abhängigkeit, Scham und oft auch Bindung und Hoffnung sie festhalten. Mit Schwäche hat das nichts zu tun. Die Frage „Warum geht sie nicht einfach?“ lenkt zudem den Blick in die falsche Richtung: Verantwortlich für Gewalt ist, wer sie ausübt. Betroffen sind überwiegend Frauen. Laut WHO hat weltweit rund jede vierte Frau, die in einer Partnerschaft war, körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen Partner erlebt. Auch Männer können betroffen sein.
Was festhält
Angst
Drohungen gegen die eigene Person, die Kinder, Angehörige oder Haustiere machen eine Trennung unberechenbar. Diese Angst ist oft berechtigt.
Abhängigkeit
Gemeinsame Wohnung, fehlendes eigenes Einkommen, Kinder oder ein Aufenthaltsstatus, der an die Ehe gebunden ist: Wer geht, verliert oft mehr als die Beziehung.
Isolation und Scham
Gewalt geht häufig mit Kontrolle einher. Kontakte werden eingeschränkt, Geld wird zugeteilt, der Selbstwert wird Stück für Stück untergraben. Wer lange hört, nichts wert zu sein, traut sich einen Neuanfang kaum noch zu. Hinzu kommt die Scham, darüber zu sprechen.
Bindung und Hoffnung
Auf Gewalt folgen oft Phasen von Reue und Zuwendung. In einer Studie von Dutton und Painter sagten ein großes Machtgefälle und der Wechsel zwischen Misshandlung und Zuwendung voraus, wie stark Frauen nach der Trennung noch an den Partner gebunden waren. Der Begriff „Traumabindung“ wird heute oft unscharf verwendet. Er beschreibt aber einen realen Mechanismus: Die Bindung ist eine Folge der Gewalt, kein Einverständnis.
Warum die Trennung gefährlich sein kann
Die Zeit der Trennung gilt als besonders riskant. In einer großen US-Studie zu Tötungen in Partnerschaften war die Trennung, vor allem von einem stark kontrollierenden Partner, ein Risikofaktor. Ein Weggang sollte deshalb möglichst mit Unterstützung geplant werden, etwa mit einer Beratungsstelle, die auch bei der Planung der eigenen Sicherheit hilft.
Hilfe, auch für Angehörige
Bei akuter Gefahr: Notruf 110 oder 112, in der Schweiz Polizei 117.
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist unter 116 016 rund um die Uhr erreichbar, kostenlos, anonym und in 18 Sprachen. Das Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ berät unter 0800 1239900. In der Schweiz ist die Opferhilfe seit Mai 2026 rund um die Uhr unter 142 erreichbar. Diese Stellen beraten auch Angehörige und Freunde. Für sie gilt: glauben, zuhören, keine Vorwürfe machen und Entscheidungen nicht abnehmen.
Wer die Beziehung hinter sich gelassen hat und in Sicherheit ist, findet Hinweise zur Verarbeitung im Beitrag Folgen häuslicher Gewalt verarbeiten.
Das Audio-Hypnose-Programm ist ausschließlich für die Zeit danach gedacht: Wenn die Gewalt vorbei ist und Sicherheit besteht, kann es begleitend zu Beratung oder Traumatherapie helfen, sich zu stabilisieren. In akuter Gefahr ist es keine Hilfe, dann zählen Notruf 110 und das Hilfetelefon 116 016. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Programm nach häuslicher Gewalt → Alle Programme im Jahresabo →Häufige Fragen
Warum kehren viele Betroffene zum Partner zurück?
Häufige Gründe sind Angst, finanzielle Abhängigkeit, gemeinsame Kinder, Isolation und die Hoffnung, dass sich der Partner ändert. Auch die Bindung, die durch den Wechsel von Gewalt und Zuwendung entstehen kann, spielt eine Rolle. Eine Rückkehr ist kein persönliches Versagen.
Wie lässt sich einer betroffenen Freundin helfen?
Glauben, zuhören und keine Vorwürfe machen, auch wenn sie bleibt. Die Entscheidungen sollten bei ihr liegen, denn Druck kann sie weiter isolieren. Das Hilfetelefon 116 016 berät auch Angehörige und Freunde, in der Schweiz die Opferhilfe unter 142.
Zählt psychische Gewalt auch als häusliche Gewalt?
Ja. Häusliche Gewalt umfasst neben körperlicher und sexueller auch psychische und wirtschaftliche Gewalt, etwa Drohungen, Demütigungen, Kontrolle oder das Zuteilen von Geld. Auch dafür gibt es Beratung.
Was tun in akuter Gefahr?
Sofort den Notruf wählen: 110 oder 112 in Deutschland, 117 in der Schweiz. Danach helfen das Hilfetelefon 116 016 oder die Opferhilfe 142 bei den nächsten Schritten, etwa bei der Suche nach einer sicheren Unterkunft.
Verwandte Themen
Quellen (Auswahl)
- WHO: Fact sheet: Violence against women
- Campbell et al. (2003): Risk factors for femicide in abusive relationships: results from a multisite case control study, American Journal of Public Health 93(7)
- Dutton & Painter (1993): Emotional attachments in abusive relationships: a test of traumatic bonding theory, Violence and Victims 8(2)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).