Kann man sich Stottern abgewöhnen? Was Sprechtherapie wirklich leisten kann
Nein, Stottern ist keine Angewohnheit, sondern eine Redeflussstörung mit neurobiologischer Grundlage. Gezielte Sprechtherapie kann es bei Jugendlichen und Erwachsenen aber deutlich verringern, in Deutschland als Logopädie auf Rezept.
Die kurze Antwort
Stottern lässt sich nicht abgewöhnen wie eine schlechte Angewohnheit, denn es ist keine Gewohnheit, sondern eine Redeflussstörung mit neurobiologischer Grundlage. Bei Jugendlichen und Erwachsenen kann eine gezielte Sprechtherapie das Stottern aber deutlich verringern und den Umgang damit erleichtern. In Deutschland wird sie als Logopädie ärztlich verordnet und von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt. Völlig flüssiges Sprechen kann keine seriöse Behandlung versprechen.
Warum Stottern keine Angewohnheit ist
Laut der deutschen S3-Leitlinie zu Redeflussstörungen geht das in der Kindheit beginnende Stottern mit Unterschieden in Aufbau und Funktion des Gehirns einher. Die Erblichkeit wird auf 70 bis über 80 Prozent geschätzt. Typisch sind unfreiwillige Wiederholungen von Lauten und Silben, Dehnungen und Blockaden. Betroffen sind etwa 0,8 Prozent der Männer und 0,2 Prozent der Frauen. Wer stottert, hat sich also nichts „angewöhnt“. Nervosität kann das Stottern verstärken, ist aber nicht seine Ursache.
Was Sprechtherapie leisten kann
Für Jugendliche und Erwachsene sieht die Leitlinie die besten Belege bei sprechrestrukturierenden Verfahren, oft „Fluency Shaping“ genannt. Dabei wird ein weicheres, gebundenes Sprechmuster eingeübt und Schritt für Schritt in den Alltag übertragen. Schwächer belegt, aber verbreitet ist die Stottermodifikation, bei der das Stottern selbst lockerer und weniger angestrengt wird. Oft geht es zusätzlich darum, Vermeidung und Sprechangst abzubauen. Eine Übersichtsarbeit von Brignell und Kollegen (2020) fand, dass Sprechrestrukturierung die Stotterhäufigkeit im Mittel um 50 bis 57 Prozent senkte. Auf das Niveau von Menschen, die nicht stottern, sank sie in keiner der Studien.
Der Weg zur Sprechtherapie
- Verordnung holen: Hausarzt-, HNO- oder Phoniatrie-Praxis können Sprechtherapie verordnen. Im Heilmittelkatalog ist Stottern eine eigene Diagnosegruppe.
- Passende Praxis suchen: Gezielt nach Erfahrung mit Stottern bei Erwachsenen fragen und danach, mit welchem Verfahren gearbeitet wird. Ein Erstgespräch zeigt, ob die Zusammenarbeit passt.
- Auf den Alltag achten: Laut Leitlinie gehören Übungen in echten Sprechsituationen und ein Plan für Rückfälle zu einer guten Therapie.
- Selbsthilfe nutzen: Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe bietet eine Beratungsstelle und vermittelt Selbsthilfegruppen.
- Heilsversprechen meiden: Angebote, die Stotterfreiheit in wenigen Tagen versprechen, gehören nicht zu den empfohlenen Verfahren.
Und Hypnose?
Die Leitlinie rät ausdrücklich davon ab, Hypnose als Behandlung des Stotterns einzusetzen, ebenso reine Atem- oder Rhythmusübungen. Sie hält außerdem fest, dass die alleinige Behandlung begleitender Ängste das Stottern nicht verringert. Manche Menschen nutzen Entspannungsübungen begleitend, um Anspannung vor Telefonaten oder Vorträgen zu begegnen. Das ersetzt keine Sprechtherapie. Wie die Leitlinie die einzelnen Verfahren bewertet, beschreibt Stottertherapie und Redefluss. Um Kinder geht es unter Warum stottern Kinder plötzlich?.
Wer stottert und neben einer Sprechtherapie üben möchte, Anspannung vor Telefonaten, Vorträgen oder Gesprächen gelassener zu begegnen, findet dafür das Audio-Programm bei Stottern. Es ist keine Stottertherapie, nicht für Kinder gedacht und ersetzt keine Logopädie: aufeinander aufbauende Hypnosen à 75 Minuten für zu Hause, sofort nach dem Kauf verfügbar, von Ingo Michael Simon erarbeitet und professionell eingesprochen, ohne KI. Es ist auch im Jahresabo mit allen 115 Programmen enthalten. Begleitend gedacht, eine Wirkung auf das Stottern selbst ist nicht belegt.
Häufige Fragen
Kann man sich Stottern als Erwachsener noch abtrainieren?
Ganz verschwinden lässt es sich bei Erwachsenen meist nicht, deutlich verringern aber schon. In Studien senkte Sprechrestrukturierung die Stotterhäufigkeit im Mittel etwa um die Hälfte. Wichtig ist eine Therapie, die das neue Sprechmuster in Alltagssituationen überträgt und auf Rückfälle vorbereitet.
Zahlt die Krankenkasse eine Stottertherapie für Erwachsene?
Ja, in Deutschland wird Sprechtherapie bei Stottern auch für Erwachsene ärztlich verordnet und von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Eine Verordnung umfasst bis zu zehn Behandlungen, als Orientierung nennt der Heilmittelkatalog bis zu 50 Einheiten. Erwachsene leisten die gesetzliche Zuzahlung.
Ich stottere mehr, wenn ich nervös bin: Hilft dann Entspannung?
Anspannung kann das Stottern verstärken, sie ist aber nicht die Ursache. Laut Leitlinie verringert die alleinige Behandlung begleitender Ängste die Stotterhäufigkeit nicht. Entspannung kann den Umgang mit schwierigen Situationen erleichtern, ersetzt aber keine Sprechtherapie.
Ich habe erst als Erwachsener angefangen zu stottern: Was nun?
Stottern, das erst im Erwachsenenalter beginnt, kann etwa nach Erkrankungen des Nervensystems oder nach einem seelischen oder körperlichen Trauma auftreten. Es sollte zügig ärztlich abgeklärt werden, besonders wenn es plötzlich einsetzt. Auch dafür kann Sprechtherapie verordnet werden.
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Quellen (Auswahl)
- Neumann et al. (2017): The pathogenesis, assessment and treatment of speech fluency disorders, Deutsches Ärzteblatt International 114(22-23), Zusammenfassung der S3-Leitlinie AWMF 049-013 Quelle lesen →
- Brignell et al. (2020): A systematic review of interventions for adults who stutter, Journal of Fluency Disorders 64 Quelle lesen →
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Heilmittel-Richtlinie mit Heilmittelkatalog, Diagnosegruppe RE1 Störungen des Redeflusses: Stottern Quelle lesen →
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).