Genitalherpes: Wenn die Diagnose seelisch belastet
Für viele wiegt die Scham schwerer als die Bläschen. Dabei ist Genitalherpes sehr häufig, und die Belastung lässt sich deutlich verringern.
Die kurze Antwort
Die Diagnose Genitalherpes ist für viele Menschen ein Schock, oft belastender als die körperlichen Beschwerden selbst. Scham, Angst vor Ablehnung, Wut auf den vermuteten Überträger und Sorge um die eigene Sexualität sind häufige Reaktionen. Das ist verständlich und gut beschrieben. Die gute Nachricht: Für die meisten wird die Belastung mit der Zeit deutlich kleiner, und Information sowie Gespräche helfen dabei nachweislich.
Warum die Diagnose so schwer wiegt
Das Stigma
Kaum eine Infektion ist so mit Scham und Vorurteilen belegt. Eine Studie zur psychischen Wirkung des Herpes-Stigmas fand, dass Betroffene vor allem unter der befürchteten Abwertung durch andere leiden und deshalb oft schweigen. Gerade dieses Schweigen verstärkt die Belastung.
Das Gefühl, allein zu sein
Dabei ist Genitalherpes sehr häufig. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass etwa 520 Millionen Menschen zwischen 15 und 49 Jahren mit HSV-2 infiziert sind, dem Hauptauslöser von Genitalherpes. Das sind rund 13 Prozent dieser Altersgruppe. Die meisten wissen es nicht, weil sie keine oder kaum Beschwerden haben.
Typische Gefühle
Eine Übersichtsarbeit beschreibt bei manchen Betroffenen mit wiederkehrenden Ausbrüchen Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, Wut, einen sinkenden Selbstwert und Feindseligkeit gegenüber der Person, von der man die Infektion vermutet. Viele fürchten zudem, nie wieder unbeschwert Sex oder eine Beziehung haben zu können.
Stress und Ausbrüche: was belegt ist
Viele Betroffene erleben, dass Ausbrüche in belastenden Zeiten auftreten. Prospektive Studien konnten jedoch nicht sicher zeigen, dass Stress Ausbrüche auslöst. Sie fanden eher, dass Stress und Ausbrüche gleichzeitig auftreten, möglicherweise weil der Ausbruch selbst Stress verursacht. Das ist eine entlastende Erkenntnis: Wer einen Ausbruch hat, hat nichts falsch gemacht.
Was hilft, mit der Diagnose umzugehen
- Sachlich informieren: Wissen über Häufigkeit, Verlauf und Schutz nimmt viel Angst. Ausbrüche werden bei vielen mit der Zeit seltener und schwächer.
- Ärztlich beraten lassen: Es gibt wirksame Medikamente gegen Ausbrüche und zur Senkung des Übertragungsrisikos.
- Mit jemandem sprechen: Ein vertrauter Mensch, eine Beratungsstelle oder eine Selbsthilfegruppe durchbricht das Gefühl, allein zu sein.
- Den Selbstwert schützen: Eine Infektion sagt nichts über den Wert eines Menschen aus. Sie ist eine häufige, behandelbare Erkrankung.
- Anspannung senken: Atemübungen, Bewegung und Entspannungsverfahren wie Hypnose können helfen, mit Angst und Grübeln umzugehen.
Wann zusätzliche Hilfe sinnvoll ist
Wenn Scham, Angst oder Niedergeschlagenheit über Wochen anhalten, Beziehungen oder Sexualität stark leiden oder Hoffnungslosigkeit dazukommt, kann eine psychotherapeutische Begleitung helfen. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Genitalherpes setzt auf Entspannung, Selbstannahme und einen ruhigeren Umgang mit Ausbrüchen, begleitend zur ärztlichen Behandlung. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
Häufige Fragen
Ist es normal, nach einer Herpes-Diagnose verzweifelt zu sein?
Ja. Scham, Angst, Wut und Traurigkeit sind häufige Reaktionen. Bei den meisten wird die Belastung mit der Zeit deutlich kleiner, besonders mit guter Information und Gesprächen.
Wie viele Menschen haben Genitalherpes?
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass rund 520 Millionen Menschen zwischen 15 und 49 Jahren mit HSV-2 infiziert sind, etwa 13 Prozent dieser Altersgruppe. Die meisten wissen nichts davon.
Löst Stress Herpes-Ausbrüche aus?
Viele erleben Ausbrüche in belastenden Zeiten. Prospektive Studien konnten aber nicht sicher belegen, dass Stress die Ausbrüche auslöst. Möglicherweise verursacht der Ausbruch selbst den Stress.
Kann ich mit Genitalherpes eine normale Beziehung führen?
Ja. Mit offener Kommunikation, ärztlicher Beratung und Schutzmaßnahmen führen viele Betroffene erfüllte Beziehungen und ein normales Sexualleben.
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Weitere Ratgeber
Quellen (Auswahl)
- Mindel & Marks (2005): Psychological symptoms associated with genital herpes virus infections: epidemiology and approaches to management, CNS Drugs 19(4)
- Merin & Pachankis (2011): The psychological impact of genital herpes stigma, Journal of Health Psychology 16
- WHO: Fact sheet Herpes simplex virus
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).