Bin ich ein Narzisst?
Narzisstische Züge kennen viele Menschen an sich. Ob daraus eine Störung wird, hängt davon ab, wie stark sie das eigene Leben und die Beziehungen beeinträchtigen, und das kann kein Online-Test klären.
Die kurze Antwort
Diese Frage lässt sich online nicht beantworten, auch nicht mit einem Test. Hilfreicher ist eine Unterscheidung: Narzisstische Züge wie der Wunsch nach Anerkennung, Kränkbarkeit oder Selbstbezogenheit sind verbreitet und in Maßen normal. Eine Persönlichkeitsstörung liegt erst vor, wenn solche Muster über lange Zeit das eigene Leben und die Beziehungen deutlich beeinträchtigen.
Wie Fachleute heute unterscheiden
Die internationale Klassifikation ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation kennt keine eigenständige Diagnose „narzisstische Persönlichkeitsstörung“. Sie verzichtet auf einzelne Typen und beschreibt Persönlichkeitsstörungen nach ihrem Schweregrad (leicht, mittel, schwer) und nach auffälligen Merkmalsbereichen. Narzisstische Züge fallen vor allem unter „Dissozialität“, zu der Selbstbezogenheit und mangelndes Einfühlungsvermögen gehören.
Entscheidend ist dabei nicht ein einzelner Charakterzug, sondern ob anhaltende Probleme im Selbstbild und im Umgang mit anderen bestehen, etwa beim Aufbau enger Beziehungen, beim Verstehen anderer Sichtweisen oder beim Lösen von Konflikten. Diese Probleme müssen über längere Zeit bestehen und sich in vielen Lebensbereichen zeigen, nicht nur in einer schwierigen Phase.
Zwei Gesichter des Narzissmus
Die Forschung unterscheidet eine grandiose Form, die selbstsicher, dominant und bewunderungshungrig auftritt, von einer verletzlichen Form, die eher von Unsicherheit und starker Kränkbarkeit geprägt ist. Eine Analyse um den Psychologen Joshua Miller fand, dass beide vor allem eines teilen: einen eher gegnerischen Umgang mit anderen, etwa Ärger, Rücksichtslosigkeit oder wenig Kooperationsbereitschaft.
Spricht die Frage selbst schon dagegen?
Oft heißt es: Wer sich fragt, ob er ein Narzisst ist, ist keiner. Belegt ist das nicht. Studien zeigen eher das Gegenteil: Menschen mit ausgeprägt narzisstischen Zügen beschreiben sich selbst häufig als arrogant und wissen, dass andere sie weniger positiv sehen als sie sich selbst. In einer Reihe von Studien hingen schon die Antworten auf die direkte Frage, wie sehr der Satz „Ich bin ein Narzisst“ zutrifft, deutlich mit ausführlichen Narzissmus-Fragebögen zusammen.
Die Selbstfrage ist also weder Freispruch noch Diagnose. Hilfreicher ist ein ehrlicher Blick darauf, ob man Rückmeldungen annehmen, Fehler einräumen und Verhalten tatsächlich verändern kann, und was nahestehende Menschen dazu sagen.
Wann eine Abklärung sinnvoll ist
Wenn Beziehungen immer wieder an denselben Konflikten scheitern, Kritik zu heftiger Wut oder tagelangem Rückzug führt oder hinter der Fassade Leere, Scham oder Niedergeschlagenheit stehen, lohnt ein Gespräch in einer psychotherapeutischen Praxis. Nur dort kann eine Diagnose gestellt werden. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, ist die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 erreichbar, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.
Entspannungsverfahren wie Hypnose können begleitend helfen, mit Kränkungen gelassener umzugehen, ersetzen aber keine Psychotherapie.
Das Audio-Hypnose-Programm bei Egomanie unterstützt dabei, gelassener mit Kränkungen umzugehen und den Selbstwert unabhängiger von Bestätigung zu erleben, begleitend und nicht als Ersatz für eine Psychotherapie. Konzipiert von Ingo Michael Simon.
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Kann man ein Narzisst sein, ohne es zu merken?
Teilweise. Studien zeigen, dass Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen ihre Art oft durchaus erkennen und sich zum Beispiel selbst als arrogant beschreiben. Blinde Flecken bleiben trotzdem, deshalb sind Rückmeldungen von nahestehenden Menschen wertvoll.
Gibt es einen zuverlässigen Narzissmus-Test im Internet?
Nein. Fragebögen können Hinweise auf narzisstische Züge geben, eine Persönlichkeitsstörung lässt sich damit aber nicht feststellen. Dafür braucht es ein ausführliches Gespräch mit einer Fachperson.
Was ist verletzlicher Narzissmus?
Eine Form, die nach außen eher unsicher und zurückhaltend wirkt. Dahinter stehen oft starke Kränkbarkeit und ein großes Bedürfnis nach Anerkennung. Sie wird leicht übersehen, weil sie nicht dem Bild des lauten Selbstdarstellers entspricht.
Kann man narzisstische Züge verändern?
Persönlichkeitszüge sind nicht in Stein gemeißelt. Wer bereit ist, sich mit Rückmeldungen und eigenen Kränkungen auseinanderzusetzen, kann mit psychotherapeutischer Unterstützung einiges verändern. Bei einer Persönlichkeitsstörung ist das ein längerer Prozess.
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Quellen (Auswahl)
- Bach & First (2018): Application of the ICD-11 classification of personality disorders, BMC Psychiatry 18, 351
- Miller et al. (2011): Grandiose and vulnerable narcissism: a nomological network analysis, Journal of Personality 79(5)
- Carlson, Vazire & Oltmanns (2011): You probably think this paper’s about you: narcissists’ perceptions of their personality and reputation, Journal of Personality and Social Psychology 101(1)
- Konrath, Meier & Bushman (2014): Development and validation of the Single Item Narcissism Scale (SINS), PLoS ONE 9(8)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltendem Leidensdruck oder in einer Krise wende dich an eine Fachperson oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).